Varroa destructor: Die größte Bedrohung für unsere Bienenvölker
Varroa destructor ist eine ca. 1,1 mm lange und 1,6 mm breite Ektoparasitin-Milbe, die als bedeutsamster Bienenschädling weltweit gilt. Sie befällt Honigbienen, saugt Hämolymphe aus Larven und überträgt dabei schädigende Viren, darunter das Flügeldeformationsvirus (DWV). Befallene Bienen bleiben kleiner, haben eine verkürzte Lebensspanne und kehren häufiger nicht in den Stock zurück. Unbehandelt bricht ein Bienenvolk innerhalb von 1–3 Jahren zusammen.
Für jeden Imker in Deutschland gilt: Ohne konsequentes, ganzjähriges Behandlungskonzept ist eine erfolgreiche Bienenhaltung nicht möglich. Dieses Konzept kombiniert biotechnische Maßnahmen im Sommer mit zugelassenen Tierarzneimitteln.
Diagnose: Den Befallsgrad zuverlässig messen
Bevor behandelt wird, muss der aktuelle Varroa-Befallsgrad bekannt sein. Die wichtigste Diagnosemethode ist die Gemülldiagnose (natürlicher Milbenfall): Eine beschichtete Einlage (Varroa-Windel) wird unter dem Gitterboden eingeschoben und nach 3 Tagen ausgewertet. Als Faustregel gilt: Täglicher Milbenfall × 120 = geschätzte Gesamtmilbenzahl im Volk.
- Unter 5 Milben/Tag: Keine unmittelbare Gefahr, aber Sommerbehandlung nach Trachtende einplanen.
- 5–10 Milben/Tag: Befall kann kritisch werden – Behandlung vorbereiten.
- Über 10 Milben/Tag: Umgehende Behandlung notwendig.
- Über 30 Milben/Tag: Schadschwelle überschritten, Notfallmaßnahmen erforderlich.
- Über 1 Milbe/Tag im Winter: Winterbehandlung sollte nachgeholt werden.
Zur Früherkennung empfehlen Experten des LAVES Niedersachsen, zum Zeitpunkt der Salweidenblüte den natürlichen Milbenabfall über 3–4 Tage zu erfassen und dies 3–4 Mal zu wiederholen.
Das ganzjährige Behandlungskonzept
Das bewährte Behandlungskonzept für Deutschland gliedert sich in drei Phasen: biotechnische Maßnahmen im Frühjahr und Sommer zur Befallsreduzierung, eine chemisch-organische Sommerbehandlung nach der letzten Honigernte sowie die entscheidende Winterbehandlung mit Oxalsäure beim brutfreien Volk.
Biotechnische Maßnahmen (Frühjahr bis Sommer)
Ohne den Einsatz von Tierarzneimitteln lässt sich der Varroa-Befall durch gezielte Maßnahmen um bis zu 50 % reduzieren:
- Drohnenbrut entnehmen: Da sich Varroa bevorzugt in Drohnenbrut vermehrt (8-10× höherer Befall), entnimmt man den Drohnenrahmen regelmäßig und friert ihn ab.
- Ableger bilden: Jeder Ableger, der weisellos gesetzt wird, durchläuft eine natürliche Brutpause – idealer Zeitpunkt für eine Oxalsäure- oder Milchsäurebehandlung.
- Kunstschwarm: Durch die Bildung eines Kunstschwarms werden die Milben, die sich in der Brut befinden, im Altvolk zurückgelassen. Der Kunstschwarm selbst ist brutfrei und kann sofort behandelt werden.
Zugelassene Behandlungsmittel in Deutschland
1. Ameisensäure (Formivar 60%, MAQS, Formic Pro)
Die Ameisensäure ist das einzige Mittel, das auch in verdeckelter Brut gegen Varroa wirkt – ein entscheidender Vorteil. Sie ist als flüssige Lösung (Formivar 60%) und als imprägnierte Gelstreifen (MAQS, Formic Pro) zugelassen.
- Optimaler Anwendungszeitraum: Juli–August, unmittelbar nach der letzten Honigernte.
- Temperaturbereich: 10–25 °C. Unter 10 °C verdunstet die Säure nicht ausreichend; über 29,5 °C drohen Bienen- und Brutverluste.
- Formivar 60% mit Liebig-Dispenser: Je nach Beutengröße 20–50 ml täglich; Gesamtmenge pro Behandlung 150–200 ml. Zwei Behandlungen empfohlen: Juli für 3–5 Tage, September für 6–14 Tage.
- MAQS/Formic Pro: Zwei Gelstreifen auf die Oberträger der Rähmchen legen (bei einzargigen Völkern: ein Streifen). Flugloch vollständig öffnen. Wirkungsdauer 7 Tage; Streifen werden von den Bienen selbst abgetragen.
- Wartezeit: Keine Anwendung während der Tracht oder bei aufgesetztem Honigraum.
- Schutzausrüstung: Säurefeste Handschuhe, Schutzbrille und langärmlige Kleidung sind Pflicht.
2. Thymol (Apiguard, Thymovar, ApiLife Var)
Thymol ist ein natürlicher Wirkstoff aus Thymianöl. Es schädigt das Nervensystem der Milben und wirkt über einen längeren Zeitraum durch Verdunstung in der Stockluft. Es ist bei niedrigem bis mittlerem Befallsgrad geeignet.
- Optimaler Anwendungszeitraum: Direkt nach der Honigernte, solange Tagestemperaturen noch 15–25 °C betragen.
- Thymovar: Zwei Plättchen auf die Oberträger der Rähmchen legen. Wirkungsdauer je Plättchen 3–4 Wochen; zwei Anwendungen pro Jahr empfohlen.
- ApiLife Var: Einen Streifen alle 7 Tage; vollständige Behandlung mit 4 Streifen. Nicht über 30 °C anwenden.
- Wartezeit: Keine Anwendung während der Tracht. Honig muss vor der Behandlung geerntet sein, um Rückstände zu vermeiden.
3. Oxalsäure (Oxuvar 5,7%, Varroxal)
Oxalsäure ist das Mittel der Wahl für die Winterbehandlung beim brutfreien Volk. Sie wirkt mit einer Wirksamkeit von bis zu 95 % – allerdings ausschließlich gegen die auf den Bienen sitzenden Milben, nicht gegen Milben in verdeckelter Brut. Die Brutfreiheit ist daher die wichtigste Voraussetzung für eine wirksame Behandlung.
- Träufeln (Oxuvar 5,7%): Konzentrat 1:1 mit Wasser mischen (ergibt 3,5% Lösung). Pro besetzte Wabengasse 5–6 ml träufeln; maximale Gesamtdosis: schwache Völker 30 ml, mittelstarke 40 ml, starke Völker 50 ml. Anwendung bei −15 °C bis +5 °C, wenn Bienen in der Wintertraube sitzen.
- Sprühen (Oxuvar 5,7%): Jede besetzte Wabenseite mit 2–4 ml besprühen; Maximum 80 ml pro Volk.
- Verdampfen/Sublimieren (Varroxal): Seit September 2023 in Deutschland zugelassen. 2 g Pulver pro Volk, unabhängig von der Magazingröße. Zugelassene Verdampfer: Varrox und Varrox Eddy. Anwendung bei 2–10 °C.
- Optimaler Zeitpunkt: Ende November bis 21. Dezember (Wintersonnenwende), ca. 3 Wochen nach dem ersten Frost. Spätestens bis 31. Dezember.
- Wartezeit für Honig: Oxalsäure ist eine natürlich im Honig vorkommende Substanz; keine gesonderte Wartezeit für Honig als Lebensmittel, jedoch stets außerhalb der Honigsaison anwenden.
4. Flumethrin (Bayvarol, PolyVar Yellow)
Bayvarol enthält den synthetischen Pyrethroid-Wirkstoff Flumethrin, der als Kontaktgift das Nervensystem der Varroamilben schädigt. Es ist in Deutschland apothekenpflichtig; PolyVar Yellow ist verschreibungspflichtig.
- Anwendung: 4 Streifen im Brutnestbereich so einhängen, dass sie beidseitig von Bienen belaufen werden. Bei schwachen Völkern/Ablegern: 2 Streifen.
- Verweildauer: Mindestens 4, höchstens 6 Wochen.
- Zeitraum: Juli–Oktober, niemals während der Tracht.
- Wichtiger Hinweis: Resistente Milben sind in Deutschland bereits dokumentiert. Regelmäßiger Wirkstoffwechsel ist dringend empfohlen. In der Bioimkerei nicht zugelassen.
5. Amitraz (Apivar, Apitraz)
Amitraz ist ein Nervengift und in Deutschland als Apivar und Apitraz zugelassen. Beide Präparate sind verschreibungspflichtig – der Bezug erfordert ein tierärztliches Rezept.
- Apivar: Streifen nach 6 Wochen entfernen.
- Apitraz: Streifen nach 10 Wochen entfernen.
- Zeitraum: Juni–Oktober. Nicht während der Tracht anwenden.
- Rückstandsproblematik: Amitraz kann sich in Wachs und Honig anreichern. Der gesetzliche MRL-Wert für Honig beträgt 200 µg/kg. Nicht in der Bioimkerei zugelassen.
TAMG: Dokumentationspflicht für alle Imker
Seit Inkrafttreten des Tierarzneimittelgesetzes (TAMG) sind alle Imker, die Honig an Dritte weitergeben – auch als Geschenk –, zur lückenlosen Dokumentation jeder Arzneimittelbehandlung verpflichtet. Das Bestandsbuch muss folgende Angaben enthalten:
- Anzahl und Bezeichnung der behandelten Völker sowie Standortangabe
- Datum von Beginn und Ende der Behandlung
- Arzneimittelbezeichnung, Anwendungsform und verabreichte Menge
- Wartezeit in Tagen
- Tierärztliche Verschreibung oder Kaufbeleg (bei freiverkäuflichen Mitteln)
- Behandelnde Person
Das Bestandsbuch ist auf Verlangen des zuständigen Amtsveterinärs vorzulegen und muss mindestens 5 Jahre aufbewahrt werden.